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Schluss mit Ladenschluss

Das Thema Ladenschluss liegt mir schon länger auf dem Herzen. Es symbolisiert, wie die Politik unserer Gesellschaft immer wieder Schablonen vom „richtigen Leben“ aufzwingt. Das temporäre Verkaufsverbots ist ein Paradebeispiel für illiberale Freiheitseinschränkungen. Die Mentalität dahinter wirkt auf mich einfach nur engstirnig und respektlos gegenüber allen Menschen, die ihr Leben nicht der Norm anpassen können oder wollen.

Das sind harte Worte, aber bei den üblichen Argumenten der Ladenschluss-Befürworter halte ich sie leider für gerechtfertigt. Wenn das Thema irgendwo angeschnitten wird, halten sie einem gleich entgegen: „Man kann das alles unter der Woche erledigen, die Geschäfte haben ja da schon so bald und lange offen!“ – Dass es auch Menschen gibt, denen das nicht so leicht fällt, wird dabei bestenfalls ausgeblendet. Oft schimpft man sogar noch, wer es bis acht nicht schafft einzukaufen, bei dem stimme etwas nicht. Da ich als Unternehmensberater selbst oft die ganze Woche auf Geschäftsreise bin oder in manchen Projektphasen auch mal regelmäßig bis mindestens 20 Uhr arbeiten muss, empfinde ich diese Haltung persönlich als respektlos – auch wenn ich natürlich weiß, dass vielen die Problematik einfach nicht bewusst ist. Doch genau das meinte ich eingangs mit Engstirnigkeit: Viele denken bei politischen Fragen nur an die eigene Lebenssituation und beäugen alles mit Argwohn, was dem widerspricht.

Nun kann man mir natürlich entgegenhalten, dass ich selbst nur die eigene Situation im Auge hätte und gar nicht an die armen Kassiererinnen (sic!) denke, die deshalb gezwungen wären, fernab der Familie zu Unzeiten zu arbeiten. Fair enough, das ist aber wirklich nicht meine Motivation und es ist auch nicht so, dass ich diesen Aspekt übersehen würde. Hier geht es aber um eine grundlegende Frage des Freiheitsverständnisses!

Nicht wer seine Freiheit ausleben möchte,muss sich dafür rechtfertigen, sondern derjenige, der etwas verbieten will.

Das ist zumindest meine Meinung und für ein Verbot ist die Begründung über die Arbeitszeiten der Mitarbeiter fernab der Verhältnismäßigkeit. Zum einen werden nicht alle Geschäfte länger aufmachen, sobald es erlaubt ist. Da steuert die Nachfrage das Angebot. Meine Erfahrungen aus anderen Bundesländern zeigen, dass die Mehrheit nicht länger öffnet, aber es eben eine Hand voll Märkte gibt, die eine Grundversorgung auch neben den „normalen“ Öffnungszeiten sicherstellen. Zum anderen ist die größere Flexibilität für Millionen Menschen einfach ein großer Freiheitsgewinn. Es ist nur ein Fall von vielen, aber ich erinnere mich zum Beispiel gut an meine Studentenzeiten, als ich in Konstanz vor der Abgabe meiner Bachelor-Arbeit jede Minute nutzen wollte. Da kam es sehr entgegen, wenn man die Bibliothek erst kurz vor 22 Uhr verlassen musste, um noch die nötigsten Lebensmittel zu besorgen. An der Kasse traf ich dann eigentlich nie auf die viel zitierten, armen Mütter, welche ihre Kinder nicht selbst ins Bett bringen konnten. Diese bedienten eher zu anderen Tageszeiten – man kann sich ja im Normalfall die Schichten passend aufteilen. Natürlich bestreite ich nicht, dass es auch mal anderes laufen kann, aber da wären wir wieder beim Punkt: Wo bleibt die Verhältnismäßigkeit? Mal abgesehen davon, dass sich jeder Arbeitnehmer beim Arbeitgeber selbst um den Job beworben hat, müsste man mit derselben Begründung dann auch die Nacht- und Feiertagsarbeit in der Gastronomie infrage stellen. Das fordert aber seltsamerweise kaum jemand. Schon heute arbeiten laut Bundesregierung über 11 Millionen Menschen größtenteils regelmäßig zu den eher „ungewöhnlichen“ Arbeitszeiten. Warum der Einzelhandel hier zur heiligen Kuh verklärt wird, verstehe ich daher nicht. Dass diese Zeiten nur als Problem betrachtet werden noch viel weniger. Da es meist üppige Zuschläge für Sonntags- und Nachtarbeit gibt, sind in vielen Betrieben diese Schichten sehr begehrt.

Leider ist Bayern bei diesem Thema das rückständigste Bundesland, was mir auch immer wieder Arbeitskollegen und Bekannte aufs Brot schmieren, wenn wir über die Vor- und Nachteile der eigenen Heimat sprechen. Es mag Zufall sein, aber fast immer bekomme ich sinngemäß zu hören: „München, Nürnberg und so weiter sind ja alles schöne Städte, aber mich stört dort, dass die Geschäfte so früh schließen!“

Ich gelobe dann immer Besserung, denn eigentlich passt diese restriktive Regelung so gar nicht zum Freistaat und ist quasi nur mit CSU-internen Befindlichkeiten zu erklären. Denn der oberste Leitsatz der Bayern, die Liberalitas Bavariae, handelt vom „Leben und leben lassen!“ Dem widersprechen staatlich oktroyierte Schablonen wie der gesetzliche Ladenschluss schon im Kern!