Political Correctness, wie schlimm! How about some Gelassenheit?

Eigentlich könnte man einen schönen Abend lang darüber philosophieren, welche Rolle das Aussehen und die Herkunft bei Polizeikontrollen spielen sollten. Dazu noch ein Glas Wein in entspannter Runde und gut ist. Eigentlich.

Am Beispiel der aktuellen Nafri-Debatte zeigt sich jedoch: Irgendwas stimmt nicht mit unserer Debattenkultur. Gefühlt ganz Deutschland befindet sich im Empörungsmodus, nachdem es die Kölner Polizei dieses Silvester besonders auf Nordafrikaner abgesehen hatte. Die einen empören sich über „Racial Profiling“, die anderen über genau diese Empörung – jedoch oft nicht minder aufgeregt.

Die gereizte Stimmung steht symptomatisch für einen Konflikt, der den politischen Diskurs schon im letzten Jahr immer wieder direkt oder indirekt erfasst hatte. In der Nafri-Frage kristallisiert sich erneut der ewige Streit um die „Political Correctness“ heraus. Wer etwas nicht politisch korrekt ausdrücke, über den fielen die selbsternannten Hüter des moralisch Richtigen gnadenlos und selbstgerecht her, so der Vorwurf.

In Deutschland flammte die Debatte schon nach der „ersten“ Kölner Silvesternacht vor einem Jahr sowie nach der Wahl von Donald Trump im Herbst auf. Das zeigen auch die Suchanfragen bei Google. Nach der 2016 eskalierten Silvesternacht ging es darum, ob über eine Beteiligung von Flüchtlingen nur stiefmütterlich berichtet wurde. Beim politisch dick auftragenden Donald Trump hingegen fragte man, ob ein „politisch unkorrekter“ Stil helfe, um große Bevölkerungsschichten überhaupt zu erreichen. An dieser gesteigerten Aufmerksamkeit wird deutlich, da liegt etwas immer mehr Menschen auf dem Herzen.

Ein Begriff in aller Munde: Political Correctness

Was macht eigentlich Political Correctness aus? Man wird lange suchen, will man jemanden finden, der positiv von Political Correctness spricht. Kein Wunder, der Terminus wird seit Jahren als Kampfbegriff in rechten und konservativen Kreisen aber eben genauso in Teilen der gesellschaftlichen Mitte verwendet. Er dient dazu, sich von als kleinlich und moralisch überhöht empfundener Kritik aus dem vermeintlich linken „Mainstream“ abzugrenzen. Besonders früh profilierte sich damit das schon 2004 gegründete Blog „Politically Incorrect“, welches sich seitdem unter anderem an „dem Islam“ abarbeitet und für die rechtsextreme „Identitäre Bewegung“ wirbt.

Es wäre jedoch zu verkürzt, Political Correctness nur als Kampfbegriff der Rechtsextremen zu titulieren und damit quasi schon als inakzeptabel zu deklarieren. Er wird inzwischen von weiten Teilen der Bevölkerung verwendet und das meist nicht aus dieser Motivation. Beispielsweise wenn es um das allzu pedantische Beharren auf bestimmte Begrifflichkeiten geht. Ganz egal ob „Negerkuss“ oder richtiges Gendern: Mit Political Correctness wird der übertriebene Hang zur aufgezwungenen Rücksichtnahme artikuliert.

Genauso kritisiert ein liberaler Verfechter der Meinungsfreiheit das staatliche Einfordern von Facebook-Zensur zurecht als ein Übermaß an Political Correctness. Denn eine Demokratie muss grundsätzlich auch radikale und rücksichtslose Positionen aushalten können, alles weitere haben Gerichte zu klären. Andersherum bedeutet das aber eben nicht, dass solche Radikal-Positionen widerspruchlos von uns hingenommen werden müssten. Im Gegenteil, Meinungsfreiheit kann nur funktionieren, wenn dazu die Verantwortung kommt, mit den berechtigten Reaktionen umzugehen. Das Gejammer im Fall #KeinGeldFürRechts steht hierfür beispielhaft.

Es greift zu kurz, unangenehme Meinungen nur abzukanzeln

Die gesellschaftlichen Reaktionen können dennoch –  unabhängig des Grundrechts auf Meinungsfreiheit – immer noch tabuisierend für bestimmte Positionen wirken. Allzu gerne wird darauf zurückgegriffen, wenn man durch ein sogenanntes Totschlagargument leicht ablehnende Reaktionen hervorrufen und damit den Gegenüber diskreditieren kann.

Wir – also die etablierten Parteien – haben es uns damit lange Zeit aber zu einfach gemacht. Gerade wenn um den Umgang mit rechtskonservativen Positionen ging. Denn zu bequem schien es, sich aus solchen Aussagen nur einen problematischen Punkt herauszupicken, diesen in eine Verbindung mit Rechtsextremismus zu setzen und damit allein schon politisch unmöglich zu machen. Das war zwar meist inhaltlich sogar berechtigt und brachte den Vertreter dieser Einstellung schnell durch den gesellschaftlichen Druck zur Ruhe, aber nachhaltig war es nicht. Bereits mit dem ersten Buch von Sarrazin zeigte sich, dass ein gewisser Teil der subtil gesetzten Botschaften trotzdem in weiten Schichten der Bevölkerung verfing.

Mit Tabus ersetzt man keine Argumente

Weil man sich mit der versuchten Tabuisierung nur auf Einzelaspekte einschoss, blieb der Rest der Aussage(n) erst einmal unwiderlegt im Raum stehen. Denn nur zu sagen, eine Position sei rechts, erklärt eben noch lange nicht, warum sie falsch ist. Letztlich hat dies Parteien, wie der AfD erst den Nährboden bereitet.

Statt sie in ihren Kernaussagen richtig zu widerlegen, hat man sich auch bei ihr erst darauf beschränkt, die „Professorenpartei“ ins Rechtsextreme Spektrum zu drängen. Eine selbsterfüllende Prophezeiung. Dann ließ man sich darauf ein, auf jeden verbalen Tabubruch wieder groß in jenem Stile zu reagieren – ebenfalls ohne die mit diesen Vorstößen immer subtil gestreuten Positionen genügend im Kern anzugreifen. Am Ende probierten es einige dann mit dem relativ verzweifelten Versuch, die Partei als „neoliberal“ zu diffamieren – oder noch schlimmer, bestimmte rechte Positionen sogar für sich zu kopieren. Damit verbunden war und ist zwar der verständliche Versuch, sich als bessere Alternative für Protestwähler darzustellen. Aber eben auch eine gleichzeitige Bestätigung jener Kernaussagen, was nach hinten losgeht. Am Ende wählen dann halt trotzdem 25% das „Original“.

Ein politisch korrekter Stil ist dennoch eine Tugend

Nun aber zurück zum Thema Political Correctness. Ich sage es mal ganz direkt: Ich finde es ist nichts verkehrt daran, sich politisch korrekt auszudrücken. Vielmehr noch: Ich lege es sogar jedem ans Herzen, dies grundsätzlich zu versuchen. Denn meistens steckt hinter der als „Political Correctness“ empfundenen Kritik ein sehr berechtigter Zweck. Es geht oft um Respekt und Verhältnismäßigkeit, um Fairness, um den Schutz von Minderheiten und vieles mehr, was ich alles für sehr wichtig und berechtigt halte.

Man muss zum Beispiel ja nicht von jedem verlangen, dass er seine (äh und ihre) Texte gendert. Aber das Empfinden vieler Frauen, immer noch nicht gleichberechtigt behandelt zu werden, sollte man ernst nehmen. Das ist ja die eigentliche Motivation der Feministen. Das allgemeine Einfordern bestimmter Ausdruckweisen zur Beeinflussung des Denkens über die Schrift, ist hingegen trotzdem maßlos übertrieben und erreicht eher das Gegenteil. Was aber nunmal keine Rechtfertigung dafür sein kann, sich nur diesen Aspekt herauszupicken, auf das „Gendergaga“ zu schimpfen und das Thema Gleichberechtigung für erledigt zu erklären.

Damit begibt man sich nämlich in die gleiche Abkanzlungsstrategie, wie ich sie oben seitens der Vertreter der Political Correctness kritisiert habe. So wird den betroffenen Frauen eben nicht die Alltagserfahrung genommen, dass sie aufgrund ihres möglichen Kinderwunsches und des Rollenbilds der daheimbleibenden Mutter auf dem Jobmarkt immer noch Nachteile haben. Sie fühlen sich dann zurecht unverstanden, auch wenn sich in unserer Gesellschaft schon relativ viel in Richtung Gleichberechtigung geändert hat.

Das Problem ist nicht einseitig

Ein Schicksal, welches sie ironischerweise mit den Kritikern der Political Correctness teilen. Auch diese fühlen sich unverstanden und abgekanzelt. Haben sie sich dann aber erst einmal durchgerungen und offen „gegen den Mainstream“ geäußert, ist der Damm gebrochen. Oft steigt der Mitteilungsbedarf dann ins Grenzenlose.  Es ist vielleicht eine Mischung aus dem heldenmütigen Gefühl, etwas verboten Revolutionäres zu tun und die gleichzeitige Hoffnung, es nur noch deutlicher ausdrücken (!!!11) zu müssen, damit „die Wahrheit“ endlich wahrgenommen wird: Der allgemeine Widerspruch treibt sie noch mehr an.

Und da sind wir glaube ich beim eigentlichen Problem unserer Debattenkultur, mit dem ich einstieg. Ich denke wir hören einander oft nicht ausreichend zu, wir sind teilweise so vereinnahmt von unserem Ziel und der als so richtig empfundenen Überzeugung, dass uns Einwände nur noch wilder machen. Der „Quertreiber“ muss dann verbal an die Wand gedrängt und in seiner Person klein gemacht werden. Das gilt für alle Seiten.

Ich kann daher für 2017 nur appellieren, mit etwas mehr Gelassenheit in die Diskussionen zu gehen. Selbst wenn jemand einer politisch unmöglichen Meinung auf den Leim gegangen zu sein scheint, muss man ihn dafür normalerweise noch nicht selbst für unmöglich erklären.

Besser wäre es, sich stattdessen mal die Mühe zu machen, zu erklären, warum denn seine Position so unmöglich erscheint. Ja, es geht zur Zeit heiß her – und man muss sich auch nicht an jedem Zyniker mit unendlichem Verständnis aufarbeiten. Aber mit ein bisschen kühlem Kopf erst mal zu argumentieren, das schadet keinem. Ich werde mir das zumindest vornehmen. Statt penibler Political Correctness, ist ein wenig Political Gelassenheit angesagt.

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