​Gibt es auch Feministinnen mit Kopftuch?

Ein Interview mit dem Islamwissenschaftler Fabian Schmidmeier: Er betreibt das Blog derorient.com und hat das „Café Abraham“ ins Leben gerufen – in diesem interreligiösen Gesprächskreis treffen sich wöchentlich Christen, Muslime, Juden (und auch Atheisten) zum gemeinsamen Austausch über Religion. Das in Erlangen initiierte Projekt hat inzwischen bundesweit in immer mehr Städten neue Ableger gegründet. Ich habe mit ihm über die aktuell heiß diskutierte Rolle des Islams in Deutschland gesprochen.

Hallo Fabian, du hast gerade deine Masterarbeit mit dem Titel „Islam dynamisch gedacht“ geschrieben. Gratulation! Kannst du in fünf Sätzen erklären, worum es darin geht?

Religion und Moderne sind immer ein Spannungsfeld, da teilweise Jahrtausende alte Texte in einem modernen Kontext interpretiert werden müssen. Das ist auch beim Koran der Fall. In der Islamwissenschaft spricht man im Bezug auf islamisches Recht oder Werte und Normen auch von der „Dynamik des islamischen Rechts“. Zwei Denker mit dynamischen Ansätzen waren Muhammad Asad, in Lemberg als Jude geboren und später zum Islam konvertiert, und Muhammad Iqbal, ein muslimisch-indischer Philosoph. Beide waren zudem Grenzgänger zwischen Europa und dem Orient.

FDP-Chef Christian Lindner hat kürzlich in einem Interview mit dem Satz „Wir dürfen von Muslimen erwarten, dass sie ihren Glauben so modernisieren, dass er zu den Werten des Grundgesetzes passt.“ für Aufsehen gesorgt. Ist das für die Vertreter eines progressiven Islamverständnisses hilfreich?

Nein, weil es suggeriert, dass die Mehrheit der Muslime in Deutschland einen grundgesetzfeindlichen Glauben vertritt, was nicht der Fall ist. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass jeder, der sich in Deutschland aufhält, ob nun Staatsbürger oder nicht, sich an die Gesetze dieses Landes zu halten hat. Lindner ignoriert aber bei seiner Aussage völlig die innerislamischen Diskurse und Realitäten und folgt dabei mehr einem parteitaktischen Kalkül, denn „Islamkritik“ hat im Moment im politischen Geschäft Hochkonjunktur. Vielmehr sollten sich Politiker, wenn sie sich mit dem Islamverständnis der muslimischen Deutschen beschäftigen, mit Imamen und Gelehrten oder Angehörigen der islamisch-theologischen Lehrstühle treffen, und ihnen einmal über die Schulter schauen. Da geschieht nämlich bereits viel mehr, als vielen bewusst ist.

Was passiert denn zum Beispiel konkret, um extremistischen Tendenzen zu begegnen?

Mich hat ein muslimischer Freund einmal zum Freitagsgebet mit in seine Moscheegemeinde im Ruhrgebiet mitgenommen. Die Gemeinde besteht hauptsächlich aus arabischstämmigen Mitgliedern. In der Freitagspredigt hat sich der Imam aus islamisch-theologischer Perspektive gegen den IS und andere Dschihadisten positioniert und dessen Thesen mit einer islamisch-theologischen Argumentation zerlegt. Die Predigt wurde sowohl auf Deutsch als auch auf Arabisch vor mehreren Hundert Gästen gehalten. Die theologische Arbeit an den Universitäten ist an sich schon eine Arbeit gegen extremistische Tendenzen, weil diese Grundlagenarbeit sich klar gegen diese richtet. In den muslimischen Verbänden und Hochschulgemeinden werden z.B. Vorträge gehalten, Schulungen organisiert. Die Muslimische Studierendengemeinde Erlangen hat hierbei z.B. einen „Tag gegen Extremismus“ organisiert, wo wir vom Café Abraham als Referenten aufgetreten sind. Muslime sind auch aktiv in der Radikalisierungsprävention und Deradikalisierung – wie zum Beispiel bei Derad – tätig. Eine der großen Herausforderungen für die islamischen Gemeinden sind die fehlenden Ressourcen. Die Tätigkeit eines Imam ist in der Regel ein 400-Eurojob, meist neben einem anderen Beruf. Jugendarbeit braucht aber Zeit und Ressourcen. Ein Problem ist auch, dass die Radikalisierung der Jugendlichen in der Regel außerhalb der Moscheegemeinden stattfindet. Den Verbänden oder Lehrstühlen hier eine Schuld zu geben ist daher falsch.
Schmidmeierquote

Der einflussreiche deutsch-türkische Islamverband DITIB steht aktuell vermehrt in der Kritik, weil seine Imame aus der Türkei bezahlt werden. Was hältst du davon? Kann das eine dauerhafte Lösung sein oder wird dadurch eine eigenständige Entwicklung der islamischen Kultur in Deutschland gebremst?

Das ist ein schwieriges Thema und mit Sicherheit nicht so leicht zu beantworten, wie es viele Politiker derzeit in ihrer Haudrauf-Rhetorik meinen zu können. Innerhalb der türkischen Gemeinden gibt es einen Generationenkonflikt. Die ältere Generation ist die Generation der Gastarbeiter, die vor allem türkisch sozialisiert ist und sich, nehme ich an, mehr mit der Türkei identifiziert. Die junge Generation ist in Deutschland sozialisiert und die meisten sind jetzt Deutsche. Da kommen wir auch zu einem bedeutenden Problem: Die Imame sind nicht deutsch sozialisiert, kommen nur für kurze Zeit und sprechen kaum Deutsch. Zwangsläufig muss das also zu einer Entfremdung zwischen den jungen türkischstämmigen Deutschen und den noch auf die Gastarbeiter zugeschnittenen Imamen geben. Ditib-Sprecher Zekeriya Altuğ sprach in den vergangenen Tagen aber auch davon, dass die Ditib dauerhaft unabhängiger von der Türkei werden will. Daran führt dauerhaft kein Weg vorbei. Das Thema sollte aber ruhig und sachlich angegangen werden und nicht überemotionalisiert oder ideologisiert. Die jungen türkischstämmigen Mitbürger sind unsere Leute, es sind Deutsche, genauso wie du und ich.

Ist auch der Umgang mit der Verschleierung von Frauen etwas, dass sich über die Generationen im kulturellen Wandel befindet? Aktuell ist ja die Burka als angebliches Symbol der Unterdrückung in der Kritik. Der Umgang mit den verschiedenen Formen der Verschleierung wird aber von muslimischen Frauen ganz unterschiedlich gehandhabt. Geht eine starke Verschleierung immer einher mit einer untergeordneten Rolle der Frau oder umgekehrt gefragt: Gibt es auch Feministinnen mit Kopftuch?

Ich persönlich halte die Burka klar für ein Symbol der Unterdrückung, ohne Frage. Nur ist das ein in Deutschland relevantes Thema? Gibt es in Deutschland überhaupt Burkaträgerinnen? Viele Politiker meinen mit der Burka überhaupt nicht die Burka, sondern den Niqab. Aber selbst dieser wird in Deutschland kaum getragen. Schätzungen gehen von deutschlandweit ca. 2000 aus. Die meisten Niqabträgerinnen sind Touristinnen aus den Golfstaaten, die in München shoppen gehen. Es geht bei den Debatten aber auch nicht um eine Differenzierung, sondern darum: eine Kopftuch tragende Frau ist automatisch unterdrückt und das Kopftuch rückständig. Inhaltlich ist das falsch, zumal sich die meisten nichtislamischen Kritiker nicht mit der Thematik auskennen und gern über Frauen mit Kopftuch sprechen, nicht aber mit ihnen über dieses Thema diskutieren. Kopftuch und eine „Rigidität“ der islamischen Einstellung hängt nicht zusammen. Klar gibt es in verschiedenen Familien auch Unterdrückung und Glaube wird zur Unterdrückung instrumentalisiert. Eine pauschalisierende Aussage ist hier aber nicht machbar. Es gibt Rückwärtsgewandte ohne Kopftuch und sehr progressive Denkerinnen mit Kopftuch. Und klar gibt es auch Feministinnen mit Kopftuch, ich kenne selbst einige.

Abschließend noch eine Frage: Was würdest du dir von der deutschen nicht-muslimischen Gesellschaft und insbesondere der Politik wünschen, um einen fortschrittlichen, deutschen Islam zu fördern?

Ich würde mir mehr Sachpolitik wünschen und weniger Populismus, in allen politischen Lagern. Ich wünsche mir, dass es bald große anerkannte Körperschaften des öffentlichen Rechts für Muslime hierzulande gibt und in den etablierten Parteien der Satz „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ verschwindet, weil er realitätsfern ist. Ca. 3 Millionen Muslime haben die deutsche Staatsbürgerschaft, das heißt, es gibt 3 Millionen muslimische Deutsche! Ich wünsche mir eine Unterstützung der islamisch-theologischen Lehrstühle und von der Gesellschaft die Akzeptanz muslimischer Deutscher, gleich welcher Herkunft, als selbstverständlicher Teil unseres Landes und ein Ende der Stigmatisierung von Muslimen als „Fremdkörper“.

Vielen Dank für das Interview!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.