Der Kampf wird in den Köpfen entschieden

An dieser Stelle möchte ich meine Serie zur Parteireform kurz unterbrechen, um ein paar Gedanken zu den aktuellen Entwicklungen in Paris und Europa loszuwerden. Denn ich sehe die akute Gefahr, dass der Anschlag auf die französische Zeitungsredaktion nicht nur die in unserer toleranten Gesellschaft hochgehaltene Pressefreiheit betrifft. Er wird zugleich Wasser auf die Mühlen der Demagogen sein, die im Umfeld von Pegida versuchen, eine islamfeindliche Stimmung in unserer Bevölkerung aufzuhetzen. Genau das ist es jedoch, was die islamistisch-fanatischen Terroristen mit solchen Anschlägen bezwecken.

Es ist absurd und traurig zugleich. Zwölf Menschen müssen sterben, ihre Familien, ihre Freunde leiden und Millionen Muslime sich jetzt auch noch dafür rechtfertigen, was diese zwei fanatisierten Attentäter perverserweise im Namen ihres Gottes und ihrer Religion angerichtet haben.

Unsere respektvolle und tolerante Gesellschaft wird nicht durch Selbstaufgabe verteidigt – Es zählt was in den Köpfen vorgeht

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Bei all der Trauer, Angst und Hilflosigkeit, die man als Bürger in so einer Situation empfindet, darf die Reaktion jetzt gerade nicht sein, unsere respektvolle und tolerante Gesellschaft durch deren Selbstaufgabe schützen zu wollen. Das ist die eigentliche Gefahr, von der ich uns bedroht sehe. Der Rechtsstaat darf Gewalt in keinster Weise akzeptieren und muss die Meinungsfreiheit schützen. Es kann nicht sein, dass sich jemand, egal welche noch so provokante Meinung er vertritt, um sein leibliches Wohl fürchten muss.

Das ist allerdings nur die eine Seite der Medaille. Nicht nur das trotz allem individuell immer noch reltiv geringe Risiko, von solch einem Anschlag betroffen zu sein und die damit verbundene, abschreckende Wirkung, bereiten mir Sorgen, sondern auch das, was dieser in den Köpfen auslöst – und das bedroht unsere freie und respektvolle Gesellschaft nicht weniger. Gerade wer selbst wenig Kontakt mit „normalen“ Muslimen in seinem Umfeld hat und nur immer wieder in den Medien von der angeblich im Namen des Islam begangenen Gewalt hört, bekommt leicht einen verzerrten Eindruck. Denn er hat kaum Möglichkeit, überhaupt zu erkennen, wie wenig diese Gewalt mit der Lebenswirklichkeit und dem Selbstverständnis der Millionen Muslime in unserer Gesellschaft zu tun hat. Wer jedoch nicht erkennt, wie sehr hier eine Religion missbraucht wird, der baut ein generelles Misstrauen gegenüber allem auf, was mit ihr in Verbindung steht und kommt noch viel unwahrscheinlicher mit Vertretern dieser Glaubensgemeinschaft zu einem offenen Austausch. Das ist der Nährboden für die Ressentiments, die dann von den rechtsextremen Agitatoren zum Beispiel innerhalb der Pegida-Proteste geschürt werden – und denen solche Anschläge darum nur entgegenkommen. Radikaler Salafist oder friedliebender Muslim und Nachbar, diese Unterscheidung findet bewusst oder zumindest unterbewusst nicht mehr wirklich statt. Unter der Burka sieht das geistige Auge dann schon den Bombengürtel und in jedem Vollbartträger den radikalen Hassprediger.

Auf der anderen Seite löst dieses immer spürbarere Misstrauen aber wiederum etwas in den Köpfen der „gemäßigten“ Muslime aus. Da muss man sich noch nicht mal tief in einen vor dem IS geflohenen Syrer hineinversetzen, wenn er in Deutschland neben komischen Blicken und Kommentaren auch noch mit brennenden und von Nazi-Parolen beschmierten Flüchtlingsheimen sowie mit nationalfahnenschwenkenden Bürgern konfrontiert wird, die gegen eine angebliche „Islamisierung“ marschieren. Man versteht schnell, dass das nicht unbedingt dessen Offenheit und Integrationsfreude fördert.

Ziel der Extremisten ist es einen Keil in unsere Gesellschaft zu treiben – Das dürfen wir nicht zulassen!

Sowohl die islamistisch-fanatischen Gewalttäter als auch die aggressiven, rechtsextremen Volksverhetzer arbeiten beide an den entgegengesetzten Seiten am selben Ziel: Einen Keil in unsere Gesellschaft zu treiben und den respektvollen Austausch sowie die Verständigung untereinander zu torpedieren. Je mehr man sie gewähren lässt und je mehr sie damit Erfolg haben, umso weiter wird sich die Spirale von Intoleranz und Hass drehen und umso mehr werden ihre Angstparolen zu selbsterfüllenden Prophezeiungen werden. Wenn sie das erreicht haben und sich unsere Gesellschaft an dieser künstlich gezogenen Linie spaltet und bekämpft, haben die Extremisten gewonnen.

Gerade jetzt kommt es daher auf jeden Einzelnen an, der sich nicht nur trotz sondern gerade wegen der erhitzten Stimmung für ein besseres Miteinander und mehr Verständnis einsetzt. Denn der Krieg gegen die radikalen Islamisten werden wir allein auf der militärischen Ebene nicht gewinnen und schon gar nicht durch eine sowieso illusorische Abschottung unserer Gesellschaft. Diese wäre sogar kontraproduktiv, wir brauchen als tolerante und respektvolle Demokraten den Schulterschluss mit der übergroßen Mehrheit der mit uns lebenden Muslime, um den entscheidenden Krieg in den Köpfen zu gewinnen.

So war es schon immer in der Geschichte. Systematische Gewalt hat immer ihre vorgebliche Legitimation in irgendeiner Ideologie gesucht und zusätzlich eine andere Menschengruppe zum Feindbild stilisiert – ob dazu nun Religionen, „Rassen“, persönliche, politische oder gar sexuelle Einstellungen dienten, um den aus niederen Beweggründen resultierenden Menschenhass zu rechtfertigen, war schon immer zweitrangig. Entscheidend war aber jederzeit die weitgehende Akzeptanz oder schweigende Duldung dieser. Dazu darf es nicht wieder kommen. Darum müssen wir uns den radikal-fanatischen Salafisten genauso wie den fremdenfeindlichen Pegida-Wellenreitern entschlossen mit rechtsstaatlicher Überzeugung und guten Argumenten entgegenstellen. Es geht um nicht mehr oder weniger als die Zukunft unserer Gesellschaft. Diese gilt es von der Eskalationsspirale fernzuhalten, indem wir den Kampf um die Köpfe gewinnen! Das ist zumindest meine Meinung.

2 Gedanken zu „Der Kampf wird in den Köpfen entschieden

  1. Pingback: Der Sieg der Islamisten ist die Radikalisierung, nicht die Islamisierung » Beitrag » Freiheitsfreund

  2. Muhammed

    Vielen lieben Dank Matthias. Du spricht mir aus der Seele. Es wäre aber sehr schön, wenn sich Menschen mal auch Gedanken über Worte und deren Ziele sowie Ergebnisse machen würden. Warum heißt es Islamist abgeleitet von Islam und nicht Christimist oder Christentummist, Judimist oder Judentummist. Da sind es doch auch eher christliche Fundamentalisten.

    Wenn man sich etwas mit der islamischen Geschichte befasst, erkennt man das es zwei große Gruppierungen gibt, die Sunniten und die Schiiten. Aber es gab noch eine dritte, kleine Gruppe die sich mit der Zeit auflösten und ab und zu immer wieder mit ihrer Ideologie zurück kamen und sich zuletzt mit dem Vahabismus/Salafismus wieder manifestierten. Wir nannten dieses Phänomen die Charidschis/Harici. Das heißt in etwa dir Außenseiter, die anderen, die von Außerhalb, die nicht dazu gehörenden. Das war eine Gruppe von Beduinischen Arabern die ihre kulturellen Werte des Mordes und Todschlages mit in ihr Verständnis des Islam aufnahmen. Sie waren so extremistisch, das sie alle Moslems, die nicht so dachten wie sie als ungläubige die den Tod verdienten darstellten. Selbst den Kalifen Ali (so etwas wir ein Papst) wollten oder haben sie sogar ermordet.
    Die westliche Welt hätte von Anfang an diese extremistischen, totalitären Gruppierungen als Harici bezeichnen sollen und sagen sollen, das ist eine Gruppe von Extremisten, genau so wie sie es auch heute mit den so genannten Selefi also Salafisten machen. Nur hat man nun schon eine ganze Religion alleine mit dem Begriff Islamist seit über einem Jahrzehnt unter Generalverdacht gestellt.

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